Migrantenliteratur und interkulturelles Lernen

Video-Portraits
von Hidir Celik (Türkei), Fahimeh Farsaie (Iran),
Edo Loko (Togo), Walter Lingán (Peru) und anderen

Ein Projekt der Fachhochschule Köln
unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Kimmerichs
und Dr. Eva Weissweiler

Außergewöhnliche Gäste

Außergewöhnliche Gäste konnte die Erich Kästner-Gesamtschule im Dezember 2003 begrüßen. Die Schriftsteller und Künstler Walter Lingán (Peru), Hidir Celik (Türkei), Fahimeh Farsaie (Iran) sowie Edo Loko (Togo) besuchten die Schule und nahmen am Unterricht teil. Sie alle sind aus ihren Heimatländern ausgewandert und wohnen seit vielen Jahren in Deutschland, ja, sie sind Deutsche geworden und schreiben ihre Bücher zumeist auf Deutsch. Gemeinsam mit Klaus Kammerichs (Professor an der Fachhochschule Köln) und der Publizistin Eva Weissweiler ( stellvertretende Bundesvorsitzende des VS) haben sie Video-Portraits gedreht, in denen sie sich, ihr Leben und ihre Arbeit vorstellen.

Ein guter Anlass, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, etwa über Fragen des Asyls, der Migration, der Integration oder des Spracherwerbs. Erschütternd ist, was sie zum Teil erlebten: Hidir Celiks Eltern etwa gehörten zu der ersten Generation der ?Gastarbeiter?, die von der Bundesrepublik angeworben wurden, um in Deutschland zu arbeiten. Jahr für Jahr verlängerten sie ihre Arbeitsverträge, um schließlich doch ihre Kinder nachzuholen. Nun sind sie Deutsche. Der Wermutstropfen: Einer der Brüder wurde in der Türkei verhaftet und ohne ein angemessenes rechtsstaatliches Verfahren wegen eines politisches Mordes, den er nicht begangen hat, zu einer 36jährigen Haftstrafe verurteilt. Inzwischen ist er zwar freigelassen worden, doch darf er die Türkei nicht verlassen. Das Urteil wurde bis heute nicht aufgehoben.

Edo Loko, Eva Weissweiler und Schulleiter Leo van Treeck bei der Eröffnung des Projektes vor einer bildnerischen Arbeit Edo Lokos
Walter Lingán musste Peru 1982 verlassen, weil er mehrfach verhaftet und wegen seines Eintretens für die Rechte der Armen verfolgt wurde. Seine Mutter bat ihn darum: „Mir ist es lieber, du bist weit weg als tot!“ Das sagt alles. Walter Lingán ist indogener Herkunft. Er wuchs in den Anden und dann in den Slums von Lima auf. Eine Lebensschulung eigener Art, zumal ihm die damalige Militärdiktatur verboten hatte, seine Muttersprache, das „Ketschua“, zu sprechen.
Ganz anders dagegen Edo Loko aus Togo: Er kam 1971 nach Deutschland, um bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. Er musste gegen den Willen seines Lehrers wieder in seine Heimat zurückkehren, weil an seiner Kunst angeblich „kein öffentliches Interesse“ bestand. Anfang der achtziger Jahre war er wieder da. Seitdem lebt er in Deutschland. Seine Skulpturen und Bilder ( bis hin zum Hungertuch von Misereor 2002 ) werden in in- und ausländischen Galerien und Museen gezeigt. Seine künstlerische Antwort auf die Bürokraten der Ausländerbehörde!
Eine wahre Odyssee hat Fahimeh Farsaie aus Teheran hinter sich. Sie wurde unter dem Schah-Regime wegen ihrer Kritik an den politischen Verhältnissen zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Dann ging sie nach London. Von dort aus kehrte sie 1979 mit den Mullahs in den Iran zurück. Schon bald geriet sie jedoch wegen einer kritischen Erzählung wieder auf die schwarze Liste. Sie floh 1983 über die DDR nach Westdeutschland, wo sie bis heute lebt.
Die Begegnung mit diesen Menschen ging unter die Haut. Hier konnte niemand mehr Sprüche klopfen. Die gelebte Erfahrung sprach für sich. Sie weckte Betroffenheit und forderte heraus. Und so fingen die Jugendlichen aus Migrantenfamilien, die ihnen zuhörten, selbst an zu erzählen:
Riti: Ich stamme aus Afghanistan. Wir sind Hindus und wurden deshalb verfolgt. Unsere Flucht über Pakistan dauerte zwei Jahre. Dann erst waren wir wieder alle zusammen. Alexander: Ich komme aus Kasachstan. Ich sollte mit 16 Jahren zum Militär, das wollten meine Eltern nicht. Sie stellten den Ausreiseantrag, weil sie deutschstämmig sind. Bezhad: Mein Bruder sollte als Jugendlicher Soldat werden und gegen den Irak in den Krieg ziehen. Daher haben meine Eltern zunächst ihn und dann uns kleinere Geschwister außer Landes gebracht. Sascha: Mein Großvater ist am Ende des zweiten Weltkrieges aus Ostpreußen geflohen. Seitdem leben wir in Essen. Und so ging es weiter Eine gute Gelegenheit für die Schülerinnen und Schüler, sich mit der eigenen Biographie und der anderer auseinander zu setzen! Ein wichtiger Schritt, sich der eigenen Identität zu versichern!
Und die Gäste? Einige von ihnen lasen aus ihren Werken. Sie brachten mit ihrer Erlebniswelt einen unverwechselbaren neuen Klang in die deutsche Sprache mit ein. Eine Bereicherung für alle, die sich darauf einlassen! Und das ist wichtig. Ist J. W. Goethe nicht das beste Beispiel dafür, dass man sich mit fremden Kulturen auseinander setzen muss, um vorwärts zu kommen?
Gefördert vom Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW

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