Wie können es Kinder und Jugendliche lernen, ein eigenständiges Referat zu verfassen, wenn doch fast jedes Referat per Mausklick aus dem Internet abzurufen ist? Ein Dilemma für einen Unterricht, der sich und seinen Anspruch ernst nimmt. Um einen Ausweg zu finden, hat die Erich Kästner Gesamtschule im Fach Deutsch in diesem Schuljahr etwas Neues ausprobiert. Warum sich nicht einmal mit aktuellen Autoren auseinander setzen, die noch nicht so bekannt sind? Deren literarische Biographie noch nicht durch das virtuelle Ätherrauschen verstellt ist? Vielleicht gibt es ja jemanden zu entdecken? Oder können gar einige neue Einsichten in unser literarisches Leben gewonnen werden? Das Referate Schreiben könnte man dabei dann fast so nebenbei erlernen.
Gesagt, getan. Ein E-Kurs aus dem 10. Jahrgang stellte sich dieser Herausforderung. Schnell waren die Interessen abgesteckt, die Gruppen gebildet und die Autoren gefunden, die sich auf dieses Wagnis einließen. Die Aufgabe: Neben der Arbeit an der Biographie sollte mindestens ein Werk des ausgewählten Autoren gelesen und eigenständig untersucht werden.
Während der Lektüre suchten die Schülerinnen und Schüler nach bereits vorhandenen Materialien, um diese zu sichten und auszuwerten. Dann schrieben sie Briefe, um Antworten auf die vielen offenen Fragen zu finden, die sie noch hatten. Das war für sie der entscheidende Schritt, der über Erfolg und Misserfolg entschied. Der persönliche Kontakt zu den Autorinnen und Autoren bildete für sie nämlich die Brücke, über die sie gehen mussten, wenn sie ihre Arbeitsaufgaben angemessen erledigen wollten. Für manchen war dies ein Schwellenerlebnis, das er nicht so schnell vergessen dürfte. Er musste seinen Arbeitsauftrag wirklich ernst nehmen, wollte er selbst mit seinem Anliegen ernst genommen werden. Es gab keine Ausflüchte für ihn, auch keine virtuellen. Die eigene Leistung war gefragt. Daran musste sich jeder selbst messen und auch messen lassen. Es wurde also wieder einmal „richtig“ gelernt, und zwar auch unter Einschluss der Möglichkeiten, die das Internet bietet.
Das Ergebnis lässt sich sehen. Und das gilt nicht nur für die Referate, die entstanden sind. Denn es gab vieles zu entdecken:
- mit Marion Beikirch und Andrea Hunkemöller zwei Autorinnen, die das Kunststück fertig bringen, gemeinsam Kriminalromane zu schreiben und dabei auch noch Erfolg zu haben;
- mit Metin Buz einen Satiriker, der seine deutsch-türkischen Erfahrungen ironisch-kritisch betrachtet und dadurch wertvolle Einblicke in den multikulturellen Alltag bietet (unten ein Familienfoto);

- mit Agnes Giesbrecht eine Autorin, die nicht nur durch bemerkenswerte literarische Texte auf sich aufmerksam macht, sondern die auch als Leiterin des „Literaturkreises der Deutschen aus Russland“ Bande zwischen der russischen und der deutschen Literatur knüpft;
- mit Siegfried Grundmann einen Gründer des „Werkkreises der Literatur der Arbeitswelt“, der literarisch und persönlich das verkörpert, was Arbeiterliteratur ausmacht;
- mit Helga Hamelbeck eine Dichterin, die offen legte, wie bei ihr ein Gedicht entsteht, und damit manchen Anstoß gab, selbst kreativ zu werden;
- mit Anne Krull eine „Erinnerungsarbeiterin“, die Geschehenes durch psychologisch einfühlsame Schilderung nachvollziehbar und verstehbar macht;
- mit Heinz Kruschel einen Autor, der literarisch wie biographisch ein Stück DDR-Geschichte präsentiert, aber so allein nicht zu fassen ist (unten an seinem Schreibtisch);

- mit Gülbahar Kültür eine Erzählerin, die ihre türkische Kultur in ihr literarisches Schaffen aufnimmt und dadurch bis in die Sprache hinein einen neuen Ton in der deutschen Literatur entstehen lässt;
- mit Gerhard Pleus einen Autor, der als Clown und Liedermacher lange Zeit ein dermaßen „verrücktes“ Leben führte, dass es bis in finanzielle Fragen hinein fast selbst schon literarisch anmutet.
Selbstaussagen und ausgewählte Schüleräußerungen
Marion Beikirch und Andrea Hunkemöller:
Eine Leiche zum Frühstück. 2004
Das waren vielmehr viele Stunden Arbeit, in denen nicht geschrieben wurde wir haben nur gemeinsam am Tisch oder auf dem Sofa gesessen und uns das Grundgerüst für den Krimi überlegt. Was passiert wann und wo? Viele weitere Ideen entstanden im Laufe des Schreibens, weil man nicht alle Kleinigkeiten ganz genau vorher planen kann. Dabei muss man sehr flexibel sein. Aber die Grundideen der Geschichte standen natürlich ganz fest und blieben erhalten, damit das Buch seinen „roten Faden“ behält. Das ist bei einem Krimi ganz wichtig, sonst verzettelt man sich in seiner eigenen Geschichte.
Marie S.:
Ich fand das Buch interessant. Man hat gar nicht damit gerechnet, doch war es gut zu lesen und spannend. Man wird mitgerissen und versetzt sich in die Lage der Frauen. Man fiebert die ganze Geschichte über mit, ob der Mörder gefasst wird. Die Autorinnen haben ihre Liebe zum Schreiben in dieses Buch gelegt.
Metin Buz:
Das Gutachten. Multikulturelle Satiren und Kurzgeschichten. 2004
Ich war sehr schüchtern, die Lebensbedingungen waren hart, musste mit 11 Jahren am Bau arbeiten, während meine Altersgenossen ihre Freizeit genossen.
Die Familienverhältnisse waren instabil. Unter diesen Bedingungen habe ich sehr gelitten, mich zurückgezogen und in den Büchern und dem Schreiben der Erlebnisse/Eindrücke ein Ausdrucksmittel und eine Kommunikationsmöglichkeit gefunden.
Dirk G.
Dieses Buch von Metin Buz ist nicht nur witzig oder spannend, es gibt auch traurige Stellen. Das war allerdings nicht der Hauptgrund für Metin Buz. Er möchte Menschen auf das Problem der Emigration und des Rassismus aufmerksam machen. Ich finde, es ist ihm gelungen durch die übertriebenen Handlungen, und ich habe jetzt selber ein ganz anderes Bild, wie es Ausländern in Deutschland ergeht.
Agnes Giesbrecht:
in Literaturkreis der Deutschen aus Russland (Hg.):
Worüber man sich lustig macht ... .
Humoristische Kurzgeschichten
russlanddeutscher und bundesdeutscher Autoren. 2004
Warum ich Autorin geworden bin? Wahrscheinlich, weil ich Spaß am Reimen hatte und in Russland begann einen Literaturkreis zu besuchen, wo sich Autoren jede erste Woche im Monat trafen und über ihre Texte diskutierten. In Deutschland hat mir das Schreiben die Integration erleichtert und ich habe dadurch viele neue Freunde gewonnen. Man kann auch sagen, das Schreiben eine Art Krankheit ist, man kann es einfach nicht lassen...
Daniel A.
Die Geschichte „Das Telefontabu“ finde ich realistisch und gut, da sie gezeigt hat, dass es für ein Problem immer eine Lösung gibt. Sie kann aber auch Nachteile haben wie in diesem Fall, da die Hauptperson zunimmt und ihren Sohn wieder vernachlässigt.
Siegfried Grundmann:
in kino veritas. Die Abenteuer eines schrecklich Naiven. 2000
Ich fühlte mich in den angeblich goldenen fünfziger Jahren immer in Gefahr, von den flinken Angepassten untergebuttert zu werden, ohne mit meinen Erfahrungen und Gedanken jemals gehört und ernst genommen zu werden. Dagegen habe ich mich gewehrt, auf die Art, auf die ich es am besten konnte, nämlich durch das Schreiben. So wie ich als Soldat manchmal um mein Leben gelaufen bin, so habe ich dabei um mein Leben geschrieben.
Moritz N.:
Ich fand das Buch eigentlich recht interessant, weil ich es gut finde, dass Siegfried Grundmann von seinem eigenen Leben erzählt. Ich finde es toll, dass er andere Menschen an seinem Leben teilhaben lässt.
Helga Hamelbeck:
In der Nähe des Augenblicks. Lyrik und Prosa. 2003
Du fragst, ob das, was ich schildere, in meinem eigenen Leben passiert ist. Da geht es mir sicher ähnlich wie dir. Was ich erlebe, fühle, sehe, höre, lese, erzählt bekomme, ( nah bei mir oder ferner weg ), kann bewirken, dass es sich zu einem Gedicht oder zu einem Prosatext formt. Aus einer Idee und aus einer Erstfassung kann dann durch Bemühen ein Stückchen Literatur werden.
Nadine W:
Mir gefällt dieses Buch sehr gut, weil es mich persönlich anspricht und ich beim Lesen das Gefühl hatte, dass es der Autorin genauso ging wie mir. Sie will mit diesem Buch mitteilen, dass jeder Augenblick kostbar und etwas Besonderes ist. Und das ist, was mir an diesem Buch so gut gefällt. Man kann auch Augenblicke festhalten, z. B., dass das Baby zum ersten Mal läuft. Ein Ereignis, ein Augenblick, den man nie vergisst.
Anne Krull:
Missglückte Lieben. Erzählungen. 2004
Ich hätte diese Begebenheit natürlich ganz anders erzählen können, aber es hat mich ( wie auch in den anderen Erzählungen ) gereizt, mich in eine mir absolut wesensfremde Person hinein zu versetzen und der Problematik nachzuvollziehen und möglichst glaubwürdig zu schildern.
Sara S.:
Ich fand das Buch im Allgemeinen sehr interessant. Anne Krull beschäftigt sich mit sehr spannenden Themen, die man auch gut verstehen kann. Wie zum Beispiel die zweite Geschichte, in der es um ein schlechtes Verhältnis zwischen Mutter und Tochter geht. Ich denke mal, jeder kann das nachvollziehen. Es ist im wirklichen Leben vielleicht nicht so krass, wie es in dieser Geschichte dargestellt wird.
Was ich auch sehr faszinierend finde, ist, dass diese Geschichte mit der lesbischen Liebe wirklich passiert ist und all diese Briefe auch wirklich existieren. (...) Vom sprachlichen Stil her ist es eher etwas für Erwachsene.
Heinz Kruschel:
Ihr wilder Mut. Erzählungen. 2001
Was die Wende für mein „Schriftstellerdasein“ bedeutet hat? Ich war zu der Zeit schwerkrank uns mit mir beschäftigt und erlebte wie aus Entfernung die sogenannte Wende. (...)
Was ich von der Wende halte? Das ist ein weites Feld, um so kurz beantwortet zu werden. Die Wende musste kommen, denke ich, das betrifft beide Teile Deutschlands, aber ob so, wie es geschah, das bezweifle ich. Die Gleichberechtigung fehlte.
Kai K.:
Das Buch „Ihr wilder Mut“ gefällt mir sehr gut. Denn jede einzelne Geschichte regt einen dazu an, über sich, sein Verhalten und über seinen Alltag nachzudenken. In der Art, wie Heinz Kruschel Geschichten schreibt, merkt man, dass er einmal Lehrer war. Denn er weiß genau, wie er Jugendliche in seinen Bann ziehen kann. Der Leser wird von den Geschichten mitgezogen. Er beginnt zu handeln, zu denken und in gewissen Alltagssituationen zu handeln wie sie. Das, was Heinz Kruschel von den Jugendlichen will, bekommt er auch. Durch seine Geschichten baut er bei den Jugendlichen ein Selbstbewusstsein auf.
Gülbahar Kültür:
Das Märchen von der Tränensammlerin. 1999
Die deutsche Kultur hat mich anfangs, als ich hierher kam, überhaupt nicht interessiert, da ich mich nicht freiwillig hier aufhielt. Irgendwann, als ich mich entschied, hier zu bleiben und mein Leben hier aufzubauen, hat sich mein Blick geändert.
Alles beginnt mit Sprache. Ich habe angefangen, die deutsche Sprache systematisch zu erlernen. So kam ich mit der deutschen Literatur in Berührung. Und über Literatur habe ich diese Sprache zu lieben gelernt. Heute ist Deutsch meine zweite Muttersprache, auch wenn ich sie erst fast mit 17 zu erlernen begann.
Tareq S.:
Das Werk ist einfach toll. Man kann sehr viel daraus lernen. Nicht nur Jugendliche können daraus lernen, sondern auch erwachsene Personen. Normalerweise erzählt man Kindern Märchengeschichten. Aber in diesem Fall ist es nichts für kleine Kinder, denn hier geht es um Liebe, Freude, Schmerzen und Vertrauen. Es gibt bestimmte Hintergründe, die für kleine Kinder sehr schwierig sind zu verstehen. Jeder muss gegen seine Schmerzen kämpfen, und jeder hat seine eigenen Mittel. Gülbahar Kültür schafft es, ihren Schmerz zu beseitigen, indem sie ein Märchen schrieb und den Lesern mitteilt, was überhaupt SCHMERZ bedeutet. Das ist ihr natürlich auch gelungen.
Gerhard Pleus:
Geld. Alltägliche Gedanken über Grundsätzliches. 2003
Da ich ja schon immer als Clown und auch vorher als Liedermacher geschrieben habe, ist der Schritt zum Autor nicht so groß gewesen. Ich schreibe halt gerne und finde es schön, Erlebnisse in Wortform zu bringen.
Mohammed E.S.:
Das Buch war für mich schwer zu lesen. Aber was für ein Leben! Gerhard Pleus ist ja so viel umhergereist. Wie hat er das nur geschafft?
Die beteiligten Jugendlichen:
Daniel A., David B., Mohammed E.S., Dirk G., Janine G., Sarah H., Hülya K., Jenny K., Sebastian K., Kai K., Daniel K., Dominik L., Moritz N., Verena O., Kevin P., Tareq S., Georg S., Sara S., Martin S., Marie S. und Nadine W..
P.S.: Wir bedanken uns bei allen Autorinnen und Autoren sowie dem Geest-Verlag für die freundliche Unterstützung!
Artur Nickel