Von der ZEICHNUNG zum ZEICHEN als WORT- oder aber:
Wie überwinde ich Sprachlosigkeit, wie artikuliere ich Trauer?
Diese Frage war die prägende Frage und der leitende Anspruch, den unsere ehemalige Kollegin, Gaby Rettig, am 23. Februar 2012 (wie auf der schuleigenen Homepage angekündigt) den Kindern der Klasse 6F in Form eine eigens von ihr konzipierten Schreibworkshop stellte.
Diese Frage durfte während der beeindruckenden Veranstaltung als Frage unbeantwortet bleiben, schließlich ist es weder für Erwachsene noch für Kinder einfach, Sprachlosigkeit zu überwinden, ja Trauer und Traurigkeit offen und klar zu benennen und schriftlich in Form von Worten zu artikulieren.
Joseph Beuys hat einmal behauptet, dass er zwischen einer Zeichnung und einem geschriebenen Wort keinen wirklichen Unterschied sähe - wenn wir demnach schreiben (und sei es nur unseren Namen), schreiben wir weniger als dass wir zeichnen. An diese These knüpfte die Unterrichtsreihe zur Ausstellungsidee VENAVIS - gezeichnete KINDER an. Denn die jeweilige Signatur auf den beeindruckenden Tuschezeichnungen wollte ich von vornherein als Bestandteil der Arbeit verstanden wissen. Es sind also längst nicht nur persönlich signierte Zeichnungen entstanden, sondern gezeichnete Kompositionen, in denen der Name zeichnerischer Bestandteil einer persönlichen Arbeit wird.

So beeindruckend die Zeichnungen Kinder portraitieren, so beeindruckend eine Venavi als Erinnerungsobjekt ein persönliches Kind erinnert und dessen uneinholbare Wichtigkeit inmitten einer Familie darstellt; so beeindruckend war und ist Gaby Rettigs Anliegen, über die Zeichnung hinaus den Kindern Möglichkeiten zu eröffnen, über Trauer und Traurigkeit nicht zeichnerisch, sondern schreibend zu reflektieren. Dass sie das mit aller professionellen und empathischen Offenheit angeboten hat; mit aller aber auch eröffneten Ernsthaftigkeit und Würdigung der Zeichnungen und der entstehenden Worte, hat sich mir als Beobachter dieses Schreibworkshops vor allem darin gezeigt, dass kein Kind sich diesem Workshop entzogen hat.


Niemand hat hier die Annäherung an Worte abgelehnt, obwohl viele spürten, dass es weh tun kann, schreibt man über das, was noch immer weh tut.
... ähnlich der suchenden Linie der Zeichnungen sind sich noch suchende Texte entstanden, die in enger Absprache mit den Kindern Teil der Ausstellung VENAVIS - gezeichnete KINDER werden sollen.



Mein Dank gilt demnach zu allererst Gaby Rettig, die sich Zeit für die Kinder genommen hat. Mein Dank gilt aber auch den Kindern der 6F, die einen Klassenraum an der Erich Kästner-Gesamtschule eröffnet haben, in der sich einmal mehr Gäste wie Kinder genau wegen dieser Würdigung und couragierten Offenheit wohl gefühlt haben.
Peter Gutsche



