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Start Arbeitsschwerpunkte EKG - EssenerKulturGespräche Der Beginn der Schreibreise mit José Oliver 2010

Der Beginn der Schreibreise mit José Oliver 2010

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Als José Oliver am Mittwoch, den 27.1.2010, den Klassenraum betrat, ahnten die anwesenden Schülerinnen und Schüler, die sich für das Kulturhauptstadtprojekt "Viele Kulturen - eine Sprache" gemeldet hatten, noch nicht, was sie erwartete. Schon die ersten Worte, die man miteinander wechselte, zeigten jedoch an: Da kam jemand, der offen auf sie zuging und der sie annahm. Der eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens schuf und der das Gespräch mit ihnen auf Augenhöhe suchte.

José Oliver forderte die Schülerinnen und Schüler auf, sich im Kreis aufzustellen und ihm ein Wort zu sagen, das für sie im Moment im Mittelpunkt stehe. Es sollte ein Wort sein, mit dem sie in den nächsten Monaten arbeiten wollten. Ein einziges Wort. Mehr nicht. Dann nahm er sein Notizbuch und ließ sich von jjedem Einzelnen dieses Wort ins Ohr flüstern. Anschließend folgte die zweite Aufgabe: Sie sollten einen kurzen Satz mit diesem Wort bilden. Und wieder ging er mit seinem Notizbuch reihum.

 

Was dann passierte, wirft ein Licht darauf, wie José Oliver arbeitet. Er las alle diese Sätze wie in einem zusammenhängenden Text vor. Und das Wundersame: Es war, abgesehen von Kleinigkeiten, ein sinnvoller und zusammenhängender Text. Einer, in dem jeder vertreten war und fast automatisch seinen Platz gefunden hatte. Einer, der jedem Raum gab und der trotzdem zu einer Einheit zusammenwuchs. Eine Sprachübung, die ein Schlaglicht darauf wirft, was Begeisterung für Menschen und das richtige methodische Umgehen mit Sprache bewirken können! Ein klasse Einstieg!

Gar manche Befürchtung löste sich im Nu in Luft auf: Kann ich in meiner Muttersprache schreiben? Kein Problem, wenn du nachher auch alles ins Deutsche übersetzt! Das Wort "Meine Liebe", das ich nehmen möchte, ist im Türkischen ein Wort, im Deutschen sind es aber zwei. Kann ich es überhaupt nehmen? Selbstverständlich! Wir schreiben es kursiv und machen aus den zwei Wörtern eines. Vielleicht setzt sich diese Schreibweise ja irgendwann in Deutschland durch! Kann ich mein Wort noch einmal wechseln? Ja, aber dann solltest du dir auch sicher sein, dass es das richtige ist. So können Neuner, Elfer und Zwölfer trotz des großen Altersunterschieds gut miteinander arbeiten!

Eines kann man bei so einem Start wohl schon sagen: Hier finden echte Integrationsprozesse statt. Sie setzen dort an, wo die Jugendlichen zu Hause sind. Hier gewinnt Sprache wieder ein wenig den Wert zurück, den sie haben sollte. Sicherlich ist das - es ist der 27.1. - auch eine angemessene Art und Weise, den Holocaust-Gedenktag zu begehen. Wir sind gespannt, wohin die Schreibreise unserer Jungautorinnen und Jungautoren mit José Oliver durch Essen führen wird!

 

An dem Kulturhauptstadtprojekt nehmen teil:

Melanie Dörr, Josephine Krause und Laura Taplik aus der 9 B

Viktoria Skipiol und Christian Rex aus der 9 C

Laura Schneider aus der 9 D

Andreas Lüttenberg und Virginia Sauerland aus der 9 E

Marco Albrecht, Jonas Stopschinski, Viktoria Teister und Bertül Yasar aus der Jahrgangsstufe 11

Cansu Agarmis, Julia Busch, Husnia Haschemi, Elmast Kaya, Ghezal Kohestani, Lisa Molzahn,

Annika Ogrodowczyk, Joyce Schael, Özgen Sebat und Sümeyra Yildiz aus der Jahrgangsstufe 12

 

Informationen zu José F. A. Oliver

José F. A. Oliver (geb. 1961) ist ein Lyriker und Essayist, der in Hausach im Schwarzwald geboren wurde und dort auch lebt. Er ist Sohn einer spanischen "Gastarbeiterfamilie", die 1960 aus Málaga nach Deutschland gekommen ist. Seine Kindheit ist die vieler "Gastarbeiterkinder": Die Eltern arbeiten den ganzen Tag. Alle zwei Jahre fährt die Familie, das Auto mit Geschenken vollgeladen, nach Andalusien, um die Verwandten zu besuchen. Die Ankunft wie immer nach vier Tagen Fahrt. Und dort viele Menschen, die einen herzlich begrüßen, die man aber nur noch schlecht versteht. Immerhin bringt die Familie, die unter den Olivers lebt, dem Jungen die deutsche Sprache bei. Bücher bekommt er von den Lehrern. Das sind seine Anfänge hier in Deutschland. Und heute lebt seine ganze Familie in Hausach.

Seit den achtziger Jahren ist José Oliver freier Schriftsller. Er verfasst Gedichte, Kurzproa und Essays zu kulturpolitischen Themen. Er ist Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller und Gründer des 1988 von ihm gegründeten Literaturfestes "Hausacher LeseLenz". Gemeinsam mit dem Literaturhaus Stuttgart hat er die renommierten Schreibwerkstätten für Schulen entwickelt, die die Sprachsensibilität von Kindern und Jugendlichen fördern sollen. Dabei arbeitet er mit der Robert-Bosch-Stiftung, dem Kultusministerium in Baden-Württemberg und dem dortigen Landesinstitut für Schulentwicklung zusammen. Erhalten hat er unter anderem 1997 den Adelbert-von-Chamisso-Preis, 2007 den Kulturpreis der Landesstiftung Baden-Württemberg und 2009 den Thaddäus-Troll-Preis.

Die wichtigsten literarischen Werke von José Oliver:

Auf-Bruch, Berlin 1987

Heiimatt und andere fossile Träume, Berlin 1989

Vater unser in Lima, Tübingen 1991

Gastling, Berlin 1993

Austernfischer. Marinero, Vogelfrau, Berlin 1997

Duende, Gutach 1997

Hausacher Narren-Codex, Hausach 1998

Fernlautnetz, Frankfurt/Main 2000

nachtrandspuren, Frankfurt/Main 2002

finnischer wintervorrat, Frankfurt/Main 2005

unterschlupf, Frankfurt/Main 2006

Mein andalusisches Schwarzwalddorf. Essays, Frankfurt/Main 2007