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Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr

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Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr? So etwas gibt es? In einer Region, die durch den Bergbau und die Schwerindustrie über eine lange Zeit hin geprägt wurde? Genauso ist es. Woran das liegt? Es liegt an den Menschen, die dort leben und dort zu Hause sind, vor allem an den jungen Menschen. Egal, woher sie mit ihren Familien gekommen sind, wie lange sie im Revier leben und wohin sie vielleicht einmal ziehen werden!

Schon fast Tradition ist es, dass sich so viele EKGlerinnen und EKGler an den Ausschreibungen der Essener Anthologien beteiligen. So auch jetzt wieder bei dem neuen Projekt. Das Thema: Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr. Allen Kindern und Jugendlichen im Ruhrgebiet galt die Ausschreibung, und viele haben sich beteiligt. Auch die EKGlerinnen und EKGler haben geschrieben und geschrieben. Sie hatten Erfolg. Und das im Kulturhauptstadtjahr! Viele EKG-Texte fanden den Weg in die Anthologie. Das liegt daran, dass unsere Schülerinnen und Schüler etwas mitzuteilen haben, etwas, das von Herzen kommt und das von den Kulturen erzählt, in denen sie zu Hause sind. Und noch etwas ist wichtig: Die EKGlerinnen und EKGler bleiben nicht bei ihren Traditionen stehen, sondern gehen weiter. Sie greifen in ihren Texten andere kulturelle Erfahrungen auf, lernen dazu und entwickeln sich weiter. Je nach dem, wie alt sie sind und wo sie in ihrer persönlichen Entwicklung stehen. Manches tritt offen zutage, anderes deutet sich an und weckt Hoffnungen. Immer sind die Texte erfahrungsorientiert, egal, woher die Kinder und Jugendlichen stammen 

Es ist bemerkenswert, was da an Texten entsteht! Und so stellen sich Fragen: Was genau spiegeln die ELGlerinnen und EKGler in ihren Texten?  Was wollen sie uns mitteilen? Welchen Weg gehen sie an unserer Schule? Sich damit auseinanderzusetzen, hilft vielleicht, sie ein wenig besser zu verstehen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie vorwärtskommen! 

 

Hier sind zwei Beispieletexte, die in der neuen Essener Anthologie abgedruckt wurden. 

Der erste stammt von Helmut Besler aus der (jetzt) 7. Klasse, seine Klassenlehrerin ist Martina Wientjens-Brüssler, der zweite von Mohammed Kaya, der iinzwischen die 13. Klasse besucht:

Das Schneemädchen

Es gab einmal eine Oma und einen Opa, die hatten keine Kinder. Als der Winter kam, wollten sie aus Schnee ein Mädchen machen. Sie zogen sich dafür ganz warme Kleider an. Dann haben sie angefan-gen, das Schneemädchen aus Schnee zu bauen. Sie haben die Arme geformt, die Hände, die Füße, den Kopf, die Augen, den Mund und die schönen Haare. Sie haben aus Schnee ein richtig schönes Mädchen gebaut. Auf einmal hat sich das Mädchen bewegt und konnte sprechen. Da haben sich die Oma und der Opa gefreut. Sie riefen das Mädchen zu sich nach Hause, damit es da leben konnte. Das Schneemädchen lebte wie eine Enkelin bei der Oma und dem Opa, und sie nannten es Sina. Sina half ihnen, das Essen zu kochen, sauber zu machen und Wasser zu holen. So lebten sie lange Zeit zusam-men. Im Frühjahr aber schien die Sonne ganz hell. Sina versteckte sich vor ihr, weil sie Angst hatte, dass sie schmelzen könnte. Einmal riefen ihre Freundinnen sie, um mit ihr zu spielen. Sie gingen in den Wald auf eine kleine Wiese. Dort tanzten sie miteinander, bis der Abend kam. Da kamen noch mehr Jungen und Mädchen, und sie machten ein großes Lagerfeuer. Es gab ein Spiel, da musste man über das Feuer springen. Alle sprangen dar-über. Sina hatte auch ganz viel Lust, und sie sprang auch. Da ist etwas Schlimmes passiert. Sie ist geschmolzen und verdunstet. So lebten die Oma und der Opa wieder allein ohne eine Enkelin.

Helmut Besler ( 12 Jahre )

Maallis  

Maallis wachte jeden Morgen genau um 7 Uhr auf, um sich pünktlich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Maallis war 17 Jahre alt und arbeitete als Diener bei einer Königsfamilie, diese hatte ihn mit 15 Jahren auf einem Sklavenmarkt erworben. Und seitdem ist Maallis immer fleißig bei der Arbeit gewesen. Es kam nie vor, dass Maallis auch nur eine Minute zu spät an seinem Arbeitsplatz ankam. Sein Arbeitsplatz war die Küche im unteren Geschoss des Schlosses, wo es im Winter zu kalt und im Sommer zu warm war. Doch Maallis fühlte sich in seiner Situation als Sklave sehr wohl.

7 Uhr. Maallis wurde von einigen Sonnenstrahlen geweckt, die sich in den zerbrochenen Fensterscheiben spiegelten und die von dort auf sein Gesicht fielen. Er begab sich zum Brunnen, um sich für das Morgengebet, das um 7.15 Uhr stattfand, zu waschen. Dort begegnete er einem älteren Mann, der auch seine Verbreitungen für das Morgengebet traf. Maallis schaute zu ihm hinüber und bemerkte, dass dieser Mann neu in der Stadt sein musste. Denn er war immer an diesem Ort, und ein älterer Mann mit einem langen weißen Bart wäre ihm bestimmt aufgefallen. Maallis wendete sich neugierig zu dem älteren Mann und begrüßte ihn: 

Maallis: Selam, Ältester, sind Sie neu hier? Ä. Mann: Selam, mein Junge! Ja, ich bin wahrlich nicht aus dieser Gegend. Du scheinst dein Umfeld gut zu kennen. Maallis: Ältester, darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Erzählen Sie mir doch bitte von der Welt! Wie sieht sie hinter dem Königsschloss aus? Erzählen Sie bitte ein wenig, damit  ich träumen kann. Ä. Mann: Hmm... mein Junge, die Welt lässt sich nicht mit paar Worten beschreiben. Wenn du die Welt sehen willst, so gehe hinter das Königsschloss und schau dort an, was dir vorenthalten wurde. Maallis: Aber, Ältester, ich bin doch nur ein Sklave! Ich würde sterben, bevor ich hinter dem Königsschloss ankäme. Allah scheint nicht zu wollen, dass ich etwas Neues erlebe. Wieso würde er mich sonst so leiden lassen? Ä. Mann: Mein Junge, ich erzähle dir mal eine Geschichte. Es gab einmal ein Mann, der alles an Reichtum besaß, den man sich nur vorstellen kann. Trotzdem war er sehr traurig mit seiner Si-tuation. Eines Tages ging er zu einem Ältesten und fragte ihn: Oh.  Ältester ich wurde bis jetzt noch nie krank, und mir geschah niemals etwas Böses. Wieso werde ich nur nicht krank? Hat Allah mich etwa vergessen? Maallis: Ältester, ich habe verstanden was du versuchst, mir zu sagen? Heute Abend werde ich neue Türen öffnen, die für mich immer verschlossen waren. 

Maallis kam zum ersten Mal 20 Minuten zu spät zur Arbeit. Er wusste, dass auf ihn eine Strafe wartete, doch Maallis war glücklich. Er war nicht wegen der Strafe glücklich, die ihm bevorstand, sondern eher aus dem Grund, dass er einen Sinn in seinen Leben erkannt hatte. Nach der Arbeit ging Maallis erschöpft nach Hause und packte seine Tasche mit einem Stück Brot, mit Käse und dem Wichtigste für ihn, seinem Gebetsteppich. Mehr besaß er als Sklave nicht. Doch um die andere Seite am Schloss zu erreichen, musste er an den vielen Soldaten vorbei und durch einen sehr schmalen Gang in Richtung Sonnenaufgang laufen. Maallis machte sich auf den Weg. Die Dunkelheit machte das Schleichen an den Soldaten vorbei  leichter. Nun lief er den langen Weg entlang in eine neue Welt. Es war nicht mehr weit bis zur anderen Seite. Doch was Maallis auf der anderen Seite erwartete, war unglaublich. Die Sonne ging auf und strahlte auf ihn. Maallis war so geblendet, dass er über eine Baumwurzel stolperte und mit dem Kopf auf einem Stein aufschlug.

Maallis: Wo bin ich hier und wieso ist alles so dunkel? Ist das hier die versprochene neue Welt, von der mir der Älteste erzählt hat? Ältester....., sind Sie es? Wo bin ich hier? Ä. Mann: Maallis, mein Junge, es ist uninteressant, wo du dich befindest. Was viel eher interessant ist für dich, ist, dass du einen Wunsch frei hast. Maallis: Einen Wunsch?... Ältester, bin ich tot? Doch der Älteste verschwand in der Dunkelheit und Maallis wurde von einem Sonnenstrahl geweckt. Sein Kopf schmerzte so sehr, dass er ein Stück kalte Erde nahm und es auf seinen Kopf legte. Maallis: Wenn der Traum wahr ist, dann, Ältester, wünsche ich mir beim nächsten Erwachen eine Welt ohne Sklaverei, eine Welt, die mir alle Träume erfüllen kann, eine Welt, in der selbst Träume keine Träume  mehr sind! Und sein Wunsch ging in Erfüllung.

Beim nächsten Erwachen landete er in einer Stadt im 21 Jahrhundert – in Essen, um genauer zu sein.7 Uhr. Maallis wachte auf und fasste sich an den Kopf, die Schmerzen waren weg. Danach tastete er  sich durch den Raum und stieß auf allerlei eigenartige Dinge: ein Wasserbett, ein HD-TV Plasma Fernseher, ein I-Pad und andere technische Sachen. Obwohl Maallis diese unbekannten Dinge noch nie gesehen hatte, wusste er auf Anhieb, wie sie hießen und funktionierten. War das ein Teil seines Wunsches? Maallis hatte sich schnell seiner Umgebung angepasst und konnte immer mit der Strömung schwimmen, doch einige Male stieß auch er auf Hindernisse. So auch heute: Der Tag begann ganz normal. Maallis ging ins Bad und fühlte sich wie der Herrscher über das Wasser.Durch leichtes Drehen des Hahns konnte er entscheiden, ob Wasser fließen sollte oder nicht. Nach dem Duschen begab er sich zur Schule. Dort angekommen, ging er hoch in die zweite Etage in seinen Klassenraum. Viele nette Begrüßungen standen bevor und auch eine Klassenarbeit in Deutsch. Für Maallis war alles wie ein eigenartiger Traum mit vielen Lücken. Vor kurzem war er noch ein Sklave in einer Zeit, in der es noch Hütten und nur ein Schloss gab. Heute lebte er in Essen, einer Stadt, in der es mehrere Schlösser gibt. Doch woher konnte er die Sprache? Wieso kannten ihn alle? Die Fragen blieben unbeantwortet.Beim Verlassen des Schulgeländes begegnete Maalis einigen Schülern, die ihn beschimpften und ihm „Raus du Ausländer!“ und andere Wörter hinterherriefen. Aber er verstand dies nicht, für ihn machten diese Worte keinen Sinn.

Zu Hause angekommen, machte sich Maallis einige Gedanken über den Verlauf dieses Tages und über die drei Wörter, die an seinem Ende gefallen waren:  Maallis: Raus du Ausländer? Jetzt werde ich nicht mal hier angenommen! Doch was heißt Ausländer, was hat dies zu bedeuten? Wenn damit ein Mensch gemeint ist, der eine Mauer zerbrach, um seinen Traum woanders auf der Welt zu erfüllen, dann möchte ich fürwahr ein Ausländer sein.Nun habe ich meinen Holzkäfig verlassen und bin in einem Käfig aus Stahl gelandet. Will mir dieser Wunsch zeigen, dass ich es vorher besser hatte und man immer mit seiner Situation zufrieden sein sollte? Hmm... ich glaube eher nicht. Ich werde hier bleiben. Was sind schon ein paar verletzende Worte! Diese Worte sind nicht schlimmer als meine vergangene Zeit als Sklave. Ich werde hierbleiben. Hier werde ich sterben, und hier werde ich neues Leben schenken!  

Mohammed Kaya ( 19 Jahre )

aus (Hg.) Andreas Klink, Artur Nickel: Märchenhaftes zwischen Emscher und Ruhr. Kinder und Jugendliche erzählen ..., Vechta 2010, S. 251 - 252 sowie S. 132 - 138