
Inzwischen ist die Schreibphase bei unserem Kulturhauptstadtprojekt abgeschlossen, und wir schauen gespannt der Premiere Ende November entgegen. Das ist Grund genug, unseren "Kulturhauptstadtschreiber" José F. A. Oliver auch einmal literarisch vorzustellen, hat er doch gerade in diesem Jahr einen neuen Gedichtband veröffentlicht:
Ein Fahrtenschreiber ist bekanntlich ein Gerät, das bei einem Fahrzeug Lenk- und Ruhezeiten sowie die gefahrenen Geschwindigkeiten aufzeichnet. Er speichert diese Daten und ermöglicht so eine Kontrolle des Fahrers. José F. A. Oliver verwendet diesen Begriff als Titel für seinen neuen Gedichtband, der in diesem Jahr in der Edition Suhrkamp erschienen ist. Warum wählt ein spanisch-deutscher Dichter, Träger des Chamisso-Preises und anderer Auszeichnungen, der in Hausach im Schwarzwald lebt, einen solchen Titel? Wer oder was soll kontrolliert werden? Er selbst? Der Leser, der sich auf die Lesereise begibt? Wer ist hier überhaupt der Kontrolleur? Warum kontrolliert er? Viele Fragen.
In dem neuen Gedichtband von José F. A. Oliver nehmen Reisegedichte einen großen Raum ein. Zum Teil sind es Texte, die ein Unterwegssein thematisieren, zum Teil aber auch solche, die sich mit bestimmten Reisezielen auseinandersetzen, mit besonderen Städten. Und so reist der Leser quer durch Deutschland und Europa, von Bruchsal nach Bratislava, von London nach Nida an der Kurischen Nehrung, wo Thomas Mann einstmals seinen Urlaub verbrachte.
Den Höhepunkt bilden Gedichte über Czernowitz in der Bukowina, dem Geburtsort von Rose Ausländer und Paul Celan. Sie sind besonders ausdrucksstark und einfühlsam. Verwunderlich ist das nicht, steht doch gerade dieses "Buchen-Land" - so die Übersetzung - mit seinem multikulturellen Miteinander für eine Blütezeit europäischer Kultur. Gerade das Zusammenleben verschiedener Kulturen ist etwas, was José F. A. Oliver anzieht, ist er doch selbst ein Mensch, der zwischen Kulturen zu Hause ist und sich dort auch zu Hause fühlt: zwischen der andalusisch-spanischen seiner Eltern und der alemannisch-deutschen, in der er in Deutschland aufgewachsen ist. Gibt es schönere zeitgenössische Verse wie die, die er zu Rose Ausländer gefunden hat?
ihr lichtalphabet, wo?
das flügelleere dichterzimmer / ich hab es
nicht gefunden / w:ort
im buchenland vom buchenblatt
der reim eine fußnote weiter
ihr zeitmaß. Sie ging
die kellerstufen ins exil ...
Neben diesen Gedichten gibt es aber auch viele, in denen sich José F. A. Oliver mit seiner Heimat, dem Schwarzwald, auseinandersetzt. Sie stehen im Kontrast zu den anderen und schaffen so eine Balance zwischen dem Unterwegs- und dem Zuhausesein. Das ist wichtig. Denn wer sie hat, kann tatsächlich verreisen:
nicht greifbar sage ich
die architektur aus wald & schwarz & zog ins
innere - als sei die dunkle fortgewähr die
insgeheime weite & flügelschlag der sprache
: 1 alphabet der hölzer
Bemerkenswert ist, wie José F. A. Oliver immer wieder Worthülsen aufbricht, um das zur Sprache zu bringen, was ihm am Herzen liegt. Er schöpft aus einem riesigen Vorrat an sprachlichen Bildern, schafft neue, indem er Verschiedenartiges miteinander kombiniert, und zwar bis in die Interpunktion hinein. Kein einfacher Verschmelzungsprozess also, der hier zu beobachten ist, sondern ein kultureller Brückenschlag, der das Identitätsstiftende zwischen den kulturellen Traditionen greift und für sich in Anspruch nimmt. Die Folge: Freiräume für viele bemerkenswerte Gedichte, die lesenswert sind und die einen eintauchen lassen in richtig gute Literatur.
Und so ist der neue Gedichtband von José F. A. Oliver tatsächlich so etwas wie ein Fahrtenschreiber in seinen unterschiedlichen Facetten. Für ihn selbst, vor allem aber für den Leser, der an dieser Reise teilnimmt und an ihr teilhaben darf.
José F. A. Oliver: fahrtenschreiber. Gedichte, edition suhrkamp 2604, Berlin 2010, 135 Seiten, 12,00 Euro



